Reisebericht Vietnam

(24. Januar bis und mit 12. Februar 05)

 

Ich habe ausgesprochen Mühe mit diesem Reisebericht. Das hängt einerseits mit unseren älter werdenden Knochen und mit meinem älter werdenden Hirni, aber auch mit den vielfältigen, zwiespältigen Eindrücken zusammen, die ich, vor allem nach einiger Reflektion, zu verarbeiten habe.

 

Vermutlich waren wir Alten (Els Wiki, Hanni und ich), auf dem falschen Boot. Eine Kreuzfahrt ause brachte.Haus in die Karibik oder so wäre angemessener gewesen. Aber wir reisen immer noch nicht „oder so“. Wir wollen Land und Leute kennen lernen und wenn uns das einige Mühe (und Geld) kostet. Aber wir wurden, wohl über Gebühr, gefordert. Wir atmeten deshalb in Hue auf, als unsere Reiseführerin, Frau Liechti, uns Dreien vorschlug, nach fast drei Wochen auf die weitere Expedition, zu den Bergvölkern im äussersten Norden des Landes, zu verzichten, und ab Hanoi ein abgekürztes, sanfteres – touristischeres -  Programm zu wählen.

 

Wir reisten mit Background-Tours (Luzern): ein Super-Programm, mit grösstmöglichem Komfort, und einer Super Führerin, eben Annelies Liechti, aufgewachsen in China als Tochter des legendären Minister Stucki, ehemals UNO-Botschafterin in Vietnam und anderen Ländern im Fernen Osten. Unsere Gruppe umfasste, nach einigen last-minute Ausfällen, vier Frauen und mich, plus drei Betreuer (Super-Chauffeur, Hilfe und Reiseleiterin). Gereist wurde in einem grossen Bus, in dem wir uns beliebig „vertun“ konnten. Abgestiegen wurde „im besten Haus am Platz“. Und das waren, mit einer Ausnahme, wirklich Häuser die jedem Vergleich standhalten. Trotzdem: wir, (vor allem ich), waren jeweils nach einem 10-12 Stunden Tag wirklich geschafft. Die hohe Temperatur, die Vielfalt der Eindrücke und der verwirrende Verkehr (zehntausende von Töfflis) trugen dazu bei. Gottlob hatte ich die unermüdliche, immer positive Hanni dabei, wobei sie eigene Probleme hatte (Brech-Durchfall, Unfall, der einen Kontrollbesuch im „Hôpital Français“ in Hanoi nötig machte). Sie liess sich  allerdings kaum beeindrucken. Auf jeden Fall standen die von ihr kunstvoll vollgestopften Koffer, immer pünktlich um jeweils 6 oder 7 Uhr vor dem Zimmer.

 

Wir haben, wie immer, hunderte von Fotos nach Hause gebracht. Wer sich für Details interessiert, möge die Scrap-Books von Hanni konsultieren oder die CD meiner Dia-Show, auf die ich wirklich stolz bin, anfordern.

 

Die „vielfältigen, zwiespältigen“ Eindrücke:

 

Vietnam ist ein unglaublich interessantes Land, mit einer vielfältigen Geschichte. Deren letztes dramatisches Kapitel haben wir Alten ja noch, aus der Ferne, miterlebt. Und ich hab es mir, im Buch von Scholl-Latour („der Tod im Reisfeld“) nocheinmal vergegenwärtigt.

 

Die Lehren aus diese jüngeren Geschichte und dem was wir erlebten sind so vielfältig, dass sie kaum verarbeitet werden können:

 

Touristisch waren wir ja verwöhnt. Wie es daneben -im Moment noch- aussieht, möchte ich nicht prüfen. (Wir mussten ein paar Mal in die Büsche). Aber die Infrastruktur holt im Sauseschritt auf. Sie richtet sich, im anspruchvollen Touristen-Segment, vor allem an japanische und chinesische, - ja und auch an amerikanische- Kundschaft. Das Essen war überwältigend vielfältig und schmackhaft. (Einmal erwischte es allerdings die ganze Gruppe -wahrscheinlich Muscheln). Die Bedienung war überall äusserst aufmerksam und freundlich; Englisch (oder die Älteren  Französisch) sprechen wenige. Und Vietnamesisch, eine monosilable Sprache, wo die gleiche Silbe je nach Betonung fünf und mehr Bedeutungen haben kann, kann auch von Sprachgenies kaum erlernt werden. Hanni versuchte es auf Vietnamesisch mit: „es guets Neus“ (wir reisten im TET, dem vietnamesischen Neujahr). Die Angesprochenen lächelten mild. Der grosse Vorteil allerdings ist, dass diese Sprache in – durch französische Missionare eingeführte – lateinischer Schrift (allerdings mit vielen Betonungs-Akzenten) geschrieben wird.

-        Die Energie und Vitalität der Vietnamesen hat konfuzianische  

-        Wurzeln (die Gemeinschaft (der Klan) ist wichtiger als der Einzelne; Fleiss und Einordnung wird im Diesseits belohnt; „Schau vor dich (Walter) und nicht hinter dich“. (Es werden sogar die Amerikaner, die dem Land so unendliches Leid zugefügt haben, wieder freundlich empfangen).Zu befürchten ist, dass diese Grundhaltung vom westlichen Individualismus (und Egoismus) gründlich verwässert wird.

-        Die blinde Arroganz der europäischen Kolonialmächte ( in diesem Falle Frankreich).

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-        Die Absurdität der Domino Theorie, die unter Kennedy, Johnson und Ford die Weltpolitik bestimmte (wenn ein Land kommunistisch wird, werden es alle angrenzenden Länder auch). Sie hat unendliche Opfer gekostet, nicht zuletzt die Amerikaner selber. Tatsächlich aber haben die uralten Rivalitäten (China gegen Russland, Vietnam gegen China) gegen absurde Ideologien obsiegt.

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-        Vietnam war nach dem Sieg über die Weltmacht USA das Liebkind aller Progressiven.  Es hat diesen Bonus schnell  verspielt. Die Kommunisten spielten sich in Südost-Asien als realitätsfremde neue Hegemoniemacht auf. Sie zwangen dem eroberten Süden Cholchosen auf, die, wie überall, umgehend in Elend und Hunger mündeten. (2 Jahre nach Aufgabe diese Wahnidee war Vietnam wieder Reis-Exporteur. Heute ist es der grösste Reis-Produzent, und der zweitgrösste Kaffeeproduzent (und und und) der Welt). Sie vertrieben die Chinesen, die im ganzen asiatischen Raum der Motor der wirtschaftlichen Entwicklung sind und alarmierten so die umliegenden Länder, vor allem China selber.

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-        Das Beharrungsvermögen von Kulturen. Im Hochland hausen noch Minoritäten die vor Generationen aus Indonesien eingewandert sind und noch immer leben sie in Langhäusern und pflegen uralte Rituale. Sie sind allerdings nur noch Reservate für Touristen und die Jungen tragen T-Shirts und amüsieren sich mit Karaoke. Sie werden in Kürze dem weltweiten Phänomen des „American Way of Life“ endgültig zum Opfer fallen.

-        Die unglaubliche  Erneuerungskraft, erst mal der Natur, die im Krieg weitgehend zerstört wurde (Agent Orange, Elefanten-Gras, Bombardierungen die alles was im 2. Weltkrieg geschah in den Schatten stellten) und die jetzt wieder wuchert und blüht. Aber vor allem die Erholungskraft des vietnamesischen Volkes (die Deutschen haben es ihnen, allerdings dank Marshall-Plan, vorgemacht. Die Vietnamesen musste ohne diesen auskommen. Im Gegenteil: die USA blockierten viele Jahre den Handel mit Vietnam). Das boomt und brummt an allen Ecken (allein in Saigon, pardon Ho Chi Minh City, über 2 Millionen Töffli!): Vietnam wird das neue Formosa, das neue Süd-Korea werden.

-        Vietnam ist noch immer ein kommunistischer Staat. Die Einheits-Partei ist vorläufig wenig umstritten und Ho Chi Minh wird verehrt. Aber die Sturheit und Korruption des Staatsapparates wird in Kürze vom Dynamismus der überhand nehmenden freien Wirtschaft, vor allem aus dem Süden, aber auch von der Entwicklung in China selber, überwältigt werden.

-        Touristisch waren wir eher enttäuscht. Uns plagte das snobistische „déjà vu“: brutale Waldrodungen in Borneo, überwachter Stadtstaat in Singapore, Monokulturen (Palmöl – und Gummi-Bäume) in Malaysia, Elefanten-Camps und Minoritäten-Ghettos in Nord Thailand. Und diktatorisches Brimborium in Burma.

-        Vietnam ist auf dem Weg in die westliche Moderne mit allen schlimmen Folgen: sich öffnende Schere zwischen reich und arm,  Zivilisationsschutt längs den Strassen, alles verstopfender Verkehr (vorläufig Töfflis. Wehe wenn da nun Autos dazukommen), Klimaprobleme, Verstädterung. Mir ist hier brutal klar geworden dass die Forderung nach „nachhaltiger Entwicklung“, eine fatale Illusion ist. Solche Entwicklung k a n n  nicht nachhaltig sein. Sie führt zur Zerstörung unserer Umwelt. Rein naiv und touristisch gesehen ist Burma dagegen ein behütetes Paradies.

 

Aber: die Vietnamesinnen sind schön  (und schlank)!! Eine Augenweide.

 

Basel, anfangs März 05                                Emil Wartmann