(Dornbierer
Reise: „Exotisches Burma“. Vom 17. Februar bis 4. März 2002).
Motto
(von Wilhelm Busch): schön ist es auch anderswo, und hier sind wir
ja sowieso.
Reiseablauf
/ allgemeiner Eindruck
Wir,
Els Wiki und Hanni und ich, schlossen uns der kleinen Reisegruppe in Rangoon
(Yangon) an. 6 weitere, sympathische Mitreisende, alles Schweizer, plus
Reiseleiter, Dr. Axel Bruns, ein in Yangon wohnender Deutscher und Burma-Experte.
Wir kamen von einer Reise durch Nord-Thailand her und stellten fest: das
Gleiche, nur ganz anders. Ursprünglicher, natürlicher, ruhiger,
unverdorbener (nicht bereits vom Tourismus kaputt gemacht), ein einzigartiges
Reiseziel! Aber damit nehme ich bereits ein Urteil voraus, das wir allerdings
nicht zu revidieren brauchten, das im Verlaufe der Reise nur immer bestätigt
und bestärkt wurde.
Reisezeit
(am Ende der „Winterzeit“), Reisedauer (16 Tage) und Reiseroute (Yangon,
Golden Rock Tempel, Pagan, Mt. Popa-Mandalay, Mingun, Heho-Inle See, Hill
Station Kalaw, Pindaya-Höhle, Yangon) waren wohl optimal. Ein Glücksfall
die Kleinheit und Kompaktheit der Reisegruppe (nicht für Dornbierer
natürlich; der Burma Boykot-Aufruf wirkt sich auch auf den Tourismus
aus). Aber auch unser Reiseleiter, der in Völkerkunde über das
Thema „Burmesisches Marionetten-Theater“ doktoriert und der den bekannten
Nelle - Reiseführer über Burma geschrieben hatte und der recht
gut Burmesisch sprach. Er war blitzgescheit, mit einem phänomenalen
Gedächtnis, damit allerdings auch herausfordernd. Wenn er seine Seminare
über burmesische Geschichte, Buddhismus, Baukunst und Mythologie hielt
war man gut beraten nicht abzuschweifen oder gar herumzustreifen.(„Alle
mal herhören!!“; „Frau Gantenbein a b s i t z e n!!“). Einzig über
die offenbar schwierige, sicher aber fremd klingende burmesische Musik
mochte er sich nicht äussern.
War
die Reise anstrengend? Nicht übermässig und vor allem nie stressig.
Es wurde recht warm (von wegen „Winterzeit“ !). Sicher aber war sie, mit
all den Tempelbesteigungen, fitness-fördernd. Und es galt natürlich
unglaublich viele Eindrücke aufzunehmen, deren Verarbeitung (ich denke
an die über 1000 Fotos die nun auf dem Tisch liegen! Und dieser Reisebericht
gehört auch dazu), wird allerdings noch Zeit in Anspruch nehmen .
Die
touristische Infrastruktur, die wir nutzten, war überraschend gut,
und übertraf eindeutig unsere Erwartungen. Eigentlich phänomenal,
nachdem ja das Land vom paranoiden Militärregime erst 1996 voll dem
Tourismus geöffnet wurde. Zwar braucht es immer noch Visaanträge
in mehrfacher Ausführung und die Einreise, mit all den wild stempelnden
Beamten (und Beamtinnen) wirkt chaotisch. Aber wenn man mal drin ist, im
Land, gibt’s kaum mehr Kontrollen und was zu funktionieren hat, funktioniert
(wenn’s
Die
gebuchten Hotels und die Unterkünfte (auf dem Inle-See und in den
Hill-Stations) waren einwandfrei (für mich ist das Kandawgyi in Rangoon
das schönste Colonial-Style Hotel überhaupt), die Hygiene nicht
zu beanstanden, das Essen abwechslungsreich und, bei den üblichen
Vorsichtsmassnahmen, bekömmlich (thailändisch, nur bäuerlicher
und weniger „hot“), die Mandalay Air Flugzeuge (Private Air Line, man hüte
sich offenbar vor der staatlichen) wirkten vertrauenserweckend und die
Reisebusse hielten den holprigen Strassen stand. Allerdings hätten
wir uns nicht zu zwölft oder mehr in diese soweit ordentlichen aber
sehr eng bestuhlen Kisten zwängen mögen. Auch das Telefon in
den Hotels funktionierte einwandfrei (nicht natürlich das Handy) und
scheinbar sind auch die Ansichtskarten, trotz Warnung unseres Führers,
nach einigen Wochen dort gelandet wo sie hingehörten. Es gibt jede
Menge sauber verpackter ausgezeichneter Biskuits und Säfte. Es gibt
Filme und Batterien und für Nostalgiker Heineken und Coca Cola. Diese
allerdings und unverschämterweise, weil importiert, fast gleich teuer
wie bei uns. Einzig an Glacé-Verkäufer haben wir uns nicht
herangewagt. Der Schlachtruf von Els Wiki: “no ice!“, verhinderte das.
Das
Land wird touristisch weiter aufrüsten. Höchste Zeit es j e t
z t zu besuchen!
Und
natürlich das Geld: der offizielle Wechselkurs lautet 7 Tschats (oder
wie sich das schreibt) für einen Dollar. Auf dem „schwarzen Markt“
erhält man hundert (!) mal mehr. Ausser dem Zwangsumtausch bei der
Einreise (nicht mehr für Gruppenreisende) wechselt natürlich
kein Mensch zum offiziellen Kurs. Übrigens bezeichnend für die
Abgehobenheit des Regimes, um dessen Regelungen und Parolen sich offenbar
kaum jemand kümmert. Noch ein Beispiel: Benzin ist streng rationiert.
Jeder Automobilist erhält Zuteilungen die jeweils drei Tage gelten.
Nur gibt’s an jeder Ecke „Schwarz-Benzin“ zu kaufen, immerhin deutlich
teurer als das offizielle.
Das
ist allerdings – vorläufig - ein Problem, das nur einige besser gestellte
Städter interessiert: Auf dem Land übernehmen Fahrräder,
Ochsenkarren, Rikschas und Pferdetaxis den Transport. Und immer total überfüllte
Kleintransporter, an denen und auf denen Trauben von Menschen hangen. Überhaupt
scheint der Transport der eigentliche Engpass bei der angestrebten Entwicklung
des Landes zu sein. Die Strassen sind prekär, Bahnen gibts wenige
und öffentliche Transportmittel praktisch keine. Gottlob gibt’s den
Irrawaddy und seine Nebenflüsse! Zwar werden, wie in diesen autokratisch
geführten Entwicklungsländern üblich, „weisse Elefanten“
in die Steppe gesetzt (z.B. ein riesiger „International Airport“, mit einigen
Dutzend Cheque-In Schaltern, davon 2 genutzt, etwa 3okm ausserhalb Mandalay),
aber ernsthaften Strassenbau haben wir praktisch nirgends gesehen. (Steine
klopfende Frauen schon).
Weiter
das Geld (ist doch die Hauptsache): die Preise in den Touristen-Hotels
etc. sind einigermassen internationaler Gepflogenheit angepasst, aber immer
noch günstig. Was sonst gekauft wird ist unglaublich billig. Mehrgängige
Mahlzeiten, incl.Thé und Mineralwasser, für 2-3 Franken, Früchte
für Rappen, Tonkrüge für einen halben Franken, eine Eisenbahnfahrt
von Heho nach Kalaw für 3o Rappen (für uns Touristen etwas teurer),
grossartige Stickereien und andere hochkarätige Handwerks-Produkte
(vor allem „lacker-ware“), für einen Pappenstil. Fast alles wird einem
schliesslich, nach einigem Handeln, für „one Dollar!“ angeboten; Dinge
die verlockend sind und bei uns das 20 und mehrfache kosten würden.
Wie diese Rechnung aufgeht – viele dieser Waren befanden sich im 4. oder
x-ten Glied einer Handelskette-, ist mir völlig unerfindlich. Gut,
die Leute, die eine Arbeit haben, verdienen noch immer um die 5o Rappen.
Am Tag! Immerhin nicht verwunderlich, dass wir mit geschwellten Koffern
nach Hause zurückkehrten. Auch nicht verwunderlich, dass europäische
Firmen handwerkliche Massenfertigung nach Burma verlegten. Problematisch,
dass, aus politischen Gründen (man will das Militärregime loswerden),
Boykotte umgesetzt, Fabriken wieder geschlossen werden. Dem Regime wird
so kaum die Luft ausgehen, den Arbeitern und ihren Familien allerdings
schon. Der Einzelne fällt aber in ein vom buddhistischen Glauben geprägtes
soziales Netz, das von der Familie, der Gemeinschaft, gespannt wird. Armut
ja, Elend kaum. Hunger auch nicht. Beim Besuch eines friedlich-freundlichen
Altersheimes sind uns fast die Tränen gekommen beim Gedanken an die
schrecklichen Altersghettos in unseren Breitengraden.
Das
dumm-dreiste Militär-Regime kommunistischer Observanz (potenziert
mit fernöstlicher Zahlen-Mystik), ist ein Problem. Aber man könnte
sich Schlimmeres vorstellen. Z.B. das Chaos das nach der „Befreiung“ herrschte,
und die damals akute und noch immer latente Gefahr des Auseinanderbrechens
des burmesischen Staates. Man bastelt an einer neuen Verfassung. Doch kommt
man damit nicht voran da zuerst die Opposition (interne und externe) zerstört
(sic) werden muss. Man spricht von Zwangsarbeit (unser Führer bezeichnete
sie als Naturalleistung anstelle von Steuern), und Korruption. Die Obersten
lassen sich täglich von der hörigen Presse feiern. Sie pilgern
zu Heiligtümern, inspizieren Brücken, geben Instruktionen und
veröffentlichen hirnrissige Erfolgs-Statistiken. Ihre Ansprachen erscheinen
am anderen Tage verbatim in der Presse – und werden von niemandem gelesen
und erst recht nicht geglaubt. Wir kannten das ja z.B. aus Cuba und dem
ehemaligen Ost-Deutschland. Wobei uns letzteres ungleich viel korrupter
und hinterhältiger erschien als das Regime in Burma.
Nun,
die Bevölkerung hätte besseres verdient. Sie ist liebenswürdig,
arbeitsam und friedfertig. Man fühlt sich sicher und willkommen. Sie
ist geprägt vom omnipräsenten buddhistischen Glauben, der allerdings
nur vergoldeter Überbau ist eines fast kindlich wirkenden, jede Stunde,
jeden Tag, jede Handlung prägenden Aberglaubens. Und all die Mythen
und Geschichten die uns unser Dr. Bruns erzählte! Da sind Hauff und
Grimm Waisenknaben dagegen. Vor jedem Haus ein Schrein, an dem geopfert
wird, auf jedem Hügel eine Pagode mit vergoldetem Dach, überall
belebte Tempel mit goldenen Buddhas, vor denen andächtig Gläubige
knien.
Das
Ganze wirkt echt, kindlich, liebenswert und trotz all den bösen Geistern
die besänftigt sein wollen, überhaupt nicht dämonisch. Oberstes
Gesetz ist, sich durch gute Taten eine bessere Ausgangslage, ein besseres
Karma, für die nächste Wiedergeburt zu verdienen. Der Gebende
muss dem Nehmenden dankbar sein für die Chance die er ihm dazu bietet.
Und dann all die in orangerote Roben gehüllten Mönche! Sie dürfen
nur fünf Gegenstände besitzen und sie sammeln am Morgen in einer
Schale das Essen für den Tag. Viele von ihnen sind hoch angesehen
und werden, als bald ins Nirwana Übertretende, verehrt. Diese Mönche
sind auch Priester und Lehrer, denen andächtig gelauscht wird. Und
man stelle sich vor: fast jeder Burmese ist auch mal in seinem Leben –
und wäre es nur für drei Monate – Mönch. Man muss die 12
bis 13jährigen Knaben gesehen haben, kahlgeschoren, in der orangeroten
Robe, mit der Opferschale im Arm, um zu ahnen was für eine prägende
Lebensschule das sein muss. Nonnen gibts auch und Nonnenklöster, die
wir ohne weiteres besuchen durften (übrigens einfach aber blitzsauber).
Sie können aber nicht Priester, Lehrer werden (da das Weibliche den
Gläubigen ablenken könnte). Im übrigen sind Frauen in Burma
gleichberechtigt. Sie wirken entsprechend frei und selbstbewusst. Die Schulen
die wir besuchten waren einfach, machten aber einen guten Eindruck. Die
Schüler (äxgüsi, die männliche Form gilt immer auch
für die weibliche) tragen einheitliche Kleidung und sind stolz darauf.
Analphabeten gibt’s kaum. Immerhin!
Burma
ist ein einzigartiges Reiseziel; das burmesische Volk ist liebenswert!
Wie es wohl selber seine Lebensumstände empfindet? Ich habe den unschönen
Verdacht, dass wir uns, romantisierend, dem Ungewohnten, „Exotischen“ verfallen
und absichtlich, der doch meist sehr harten Wirklichkeit verschliessen.
Tourismus:
Angesichts
der Bedeutung die dem Tourismus, auch in Burma, zugemessen wird, drängen
sich ein paar generelle Gedanken auf:
Der
Tourismus ist weltweit die sich am stärksten entwickelnde „Industrie“.
Vor allem Drittweltländer, je ärmer desto eher, sehen darin d
i e Entwicklungschance par excellance. Entsprechende Erwartungen und
der
Tourismus sucht zwar bevorzugt das Neue, das Exotische dabei hat Tourismus
gleichzeitig, soll er die ersehnten Devisen bringen, westlichen Vorstellungen,
Werten und Ansprüchen zu genügen,das ergibt einen fatalen Widerspruch:
Mac Donald’s und Starbucks überall! Die einheimische Kultur, die interessante,
wird von westlichen Werten und Produkten überlagert oder wird zur
nur noch künstlich aufrecht erhaltenen Kulisse (siehe Thailand). Die
Welt wird amerikanisiert, homogenisiert. Warum dann noch reisen?Um den
Ansprüchen der – internationalen – Touristen zu genügen, müssen
erst mal westliche Produkte und Dienstleistungen eingekauft werden. Statt
Deviseneinnahmen gibt’s Devisen-Abfluss – oder Verschuldung.Da die Erwartungen
so hoch sind, stürzt sich alles auf die Touristen. Sie werden von
„Souvenirs“ und anderen „Dienstleistungen“ überschwemmt. Wir haben
hunderte von Verkaufsständen, mit tausenden gleichartigen Gegenständen
gesehen und dazwischen einige Dutzend Touristen. Von denen kaum einer etwas
kaufte. Das macht die Preise kaputt oder schafft aggressive Verkaufsmethoden.
Von Korruption, Drogen, Prostitution, oder, harmloser, Bettelei und Diebstahl
haben wir noch gar nicht gesprochen.
Noch
einmal:
Die
Erwartungen in den Tourismus werden enttäuscht werden.
Trotzdem:
Touristisches:
Angesichts
der Fülle der Sehenswürdigkeiten und Eindrücke fühle
ich mich völlig überfordert wenn ich darüber im Détail
berichten müsste. Man halte sich also an die üblichen Informations-Quellen,
vor allem natürlich an den von unserem Dr. Bruns geschriebenen Nelle-Guide.
Und einmal mehr sei auf die Scrap - Books meiner fleissigen Hanni verwiesen
(irgendwo müssen doch unsere 1000 Fotos hin).
Schon
der Versuch einige „High Lights“ herauszuheben scheint äusserst fragwürdig,
war doch jeder Tag voller Ereignisse die man nicht hätte missen mögen
(die weit über 1000 Fotos die wir nach Hause brachten, sprechen Bände).
Ich wag es trotzdem: unvergesslich die Ballon-Fahrt über der Ebene
von Pagan mit ihren über 800 Tempeln und Pagoden (früher waren’s
offenbar mal einige tausend),eindrücklich der Besuch in einem „Altersheim“
bei Mingun, wo Greise und Greisinnen uns mit gelassener Heiterkeit und
Würde empfingen, einzigartig das Bio-Top des Inle Sees und dessen
gekonnte Nutzung durch eine auf und mit dem Wasser lebenden Bevölkerung,
ein spezielles Ereignis die Bahnfahrt von Heho nach Kalaw. So muss es bei
uns in der Pionierzeit der Bahnen ausgesehen haben.
Alles
in allem: die erlebnisreichste, eindrücklichste, heiterste weil menschlichste,
Reise die wir je unternommen haben.




Gegensätze könnten grösser nicht sein

Royal Suite
Basel, Ende März 02Emil Wartmann