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Bei Sturm auf Deck

Es war mein erstes Schiff. Und da ist für eine Landratte alles neu und alles interressant. M/s Bregaglia hiess mein Schiff. M/s Steht für Motorschiff. Es war ein Bulkcarrier und daher ein Massengutfrachter, der zurzeit den Atlantik bei schwerer See in Richtung Osten durchpflügte.  Die Ladung bestand aus Eisenerz, das wir in Rio de Janairo in Brasilien geladen haben. Und Eisen hat so seine Tücken, denn es ist sehr schwer und deshalb mit einem "tiefen Schwerpunkt," was heisst, dass das Schiff nur bis zu zwei Drittel beladen und trotzdem voll ausgelastet ist. Somit sind die Rollbewegungen sehr stark und können bis zu 45 Grad erreichen. Und das Schiff liegt tief im Wasser, so dass wenig Bordfreiheit bestand. Das wiederum bewirkte, dass die Wellen es leicht hatten, das Schiffsdeck zu überspülen. Und legt sich die Bregaglia so richtig auf die Seite, dann sind nur noch die Lüftungsrohre und Masten auf Deck zu sehen. Das sieht dann aus wie ein auf- oder ab- tauchendes Unterseeboot, denn nur noch die hohen Aufbauten ragen aus der stürmischen Flut. Aber es ist so recht eindrücklich, das Spiel zwischen Schiff und Wellen, wobei der Wind auch noch eine wichtige Rolle mitspielt.

Ja, die Wellen. Das ist ein Naturschauspiel besonderer Güte und Schönheit. Je nach Licht nehmen die Wellen verschiedene Farben an. Grünlich, bläulich oder auch graugrünschwarz, je nach Richtung und Sonneneinstrahlung wechseln Wellen die Farbe. Oft brechen sie übereinander zusammen. Oder die Wogen kommen aus verschiedenen Richtungen, jenachdem der Wind sie treibt. Das intensive Rauschen des Wassers und des Windes vermischen sich zu einem ganz besonderem Geräusch, das sich von leisem Geplätscher bis verhaltenem Gurgeln und bis zum tosenden Brausen und Grollen steigern kann. Manchmal wird das Getöse so laut, dass man seine eigene Stimme nicht mehr hören kann. Und natürlich ist die Luft voller Wassergischt und Schaum, das sehr salzig und etwas bitter riecht und in den Augen ein böses Brennen verursacht. Und über all diesem Aufruhr tummeln sich scharenweise die Möven, denen weder Wind noch Wasser etwas anzuhaben scheinen zu können. Stoisch folgen sie dem Schiff, immer hinter der weissschäumenden Heckwelle her. Dort finden sie auch Nahrung, denn was in den Wirbel der grossen und sich schnell drehenden Schiffsschraubenwirbel gerät, kommt an die Wasseroberfläche und ist der Möven tägliches Brot. Die Möven folgen dem Schiff unermüdlich quer über den ganzen Atlantik.

Wir befanden uns in einem Sturmtief im nördlichen Atlantik und das im Winter. Da brausen schon mal so kräftige Nordweststürme über den Atlantik und macht den Seefahrern arg zu schaffen. Denn die Arbeit wird zur Qual, alles bewegt sich, nichts steht fest. Das Deck ist nass und glitschig und man versucht sich an den Geländern festzuhalten, damit man den Halt unter den Füssen nicht verliert. Steigt man eine Treppe hinauf oder hinunter, steht dieselbe oft senkrecht und man klammert sich wie ein Affe an jedem festen Gegenstand fest. Alles fühlt sich an, als ob da mit Schmierseife alles schön tüchtig eingeseift worden wäre. Ja, das salzige Seewasser hat es in sich. Es brennt in den Augen. Es durchdringt den dicksten Stoff und nur währschaftes Gummizeug hält das Wasser wirksam ab. Kommt noch die Gischt, der Wasserstaub dazu, der einem fast blind macht und die ohnehin schon schlechte Sicht noch schlechter macht.  Auch gibt es bei Kälte rissige Haut, was wiederum in Berührung mit Salzwasser sehr schmerzhaft ist.

Ich hätte ja eigentlich auf Deck nichts zu suchen gehabt, denn meine Arbeit war in der Küche. Ich war Koch auf diesem Schiff und hatte 38 Mann zu verpflegen.  Doch, bei rauher See war das eine Knochenarbeit. Alles geriet in Bewegung in der Küche und was nicht niet- und nagelfest war, sauste davon. Und wehe, verschüttete man Flüssigkeit auf den Küchenboden; die Rutschgefahr war enorm und gefährlich. Das alles erschwerte das Arbeiten sehr in der Küche. Oft konnte ich der Mannschaft nur noch ein Eintopfgericht zubereiten. Undenkbar war es, Schnitzel oder Spiegeleier oder sonstige Pfannensachen bei soviel Bewegung zuzubereiten. Ein Spiegelei hätte ich auf dem Küchenboden wiedergefunden und die Steaks und Schnitzel wurden noch einmal lebendig. Alles sprang und schlitterte aus den Pfannen heraus. Da blieben nur noch die hohen Marmiten und Casserolen. Und selbstverständlich immer gut mit einem Deckel verschlossen. Die Töpfe wiederum wurden durch eine Art Gartenhag auf dem Herd befestigt und festgeklemmt. Ich hielt mich mit der einen Hand am Herd am laufenden Geländer fest, währendem ich mit der andern zu arbeiten versuchte. Ein Jongleur musste man sein in so einer Schiffsküche, ein einarmiger Artist.  Dem Bäcker ging es auch nicht anders. Auch er hatte seine Kämpfe auszustehen in seiner Backstube. Der Brotteig blieb an seinem Platz, denn der war zu klebrig, als dass er sich hätte fortbewegen können. Anders die fertig gebackenen Brote und Brötchen. Die begannen ihre Reise schon im Ofen, doch herausfallen konnten sie glücklicherweise ja nicht. Aber wenn sie erst einmal draussen zum Auskühlen waren, dann machten sie sich selbständig und rollten die Küche rauf und runter. Die Brote waren etwas träger und blieben meist brav an ihrem Platz. Aber frisches Brot hatten wir trotz stürmischer See jeden Morgen. Unser Bäcker und Pâtissier war ein braver und seetüchtiger Mann. Nur, Dessert gab es bei zuviel Schiffsbewegung natürlich keinen. Da musste die Mannschaft auf ihren Dessert verzichten. Sie verstanden es und brummten nicht deswegen. Sie hatten ja selbst Probleme bei ihrer sicherlich nicht leichten Arbeit draussen auf Deck oder die armen Maschinisten tief unten im Schiffsbauch. Sie hatten nebst grosser Hitze und Ölgestank und einem Höllenlärm auf dem rutschigen Boden, der mit einem allesüberziehenden Ölfilm belegt war,  buchstäblich einen schweren Stand. Der Messboy hatte es noch schwerer. Er musste die Mannschaftsmesse abräumen, den Abwasch besorgen und für Ordnung in Messe, Pantry (Abwasch) sowie für Ordnung und Sauberkeit in der Küche sorgen. Dabei brauchte er meist beide Arme und Hände und konnte sich nicht immer an einem sicheren Geländer oder Gegenstand festhalten. Einmal fiel er mit einem Stappel Teller hin, weil er auf dem glitschigen Boden ausrutschte. Wow, das war eine Sache. Er fiel nicht nur der Länge nach hin, er wollte vermeiden, dass die Teller, die er im Schrank verstauen wollte, nicht zersplitterten und zerschnitt sich dabei seine Unterarme auf's schlimmste, weil er auf den Porzellantrümmern noch durch die ganze Küche rutschte. Bis wir dem armen Junge seine Arme desinfiziert und verbunden hatten, musste er allerhand Schmerzen ausstehen, die natürlich auch noch die nächsten Tage anhielten. Die Scherben räumten der Bäcker und ich unter tatkräftiger Mithilfe eines zufällig anwesenden Matrosen zusammen. Eine Heidenarbeit, denn auch Porzellanscherben können sich ganz schön fix bewegen und sich unter Schränken, Tischen und Gestellen verstecken, um dann bei jeder Rollbewegung wieder zum Vorschein zu kommen.

In meiner Freizeit begab ich mich sehr gerne an Deck. Auf Deck gelangte ich gleich von der Küche, die achtern (hinten) lag. Dann ein kurzes Eisentreppchen hinunter und ich war auf dem Hauptdeck. Den Aufbauten entlang gelangte ich auf das Mittel- und Vorschiff und von da zum Bug. Mein bevorzugter Platz war vorne am Steven, (Schiffsbug) wo es schön ruhig war. Ruhig, damit meine ich; keinen Motorlärm mehr, kein Geklapper und Geschepper von schlecht befestigten Gegenständen und anderen störenden Lärmquellen. Hier vorne hörte man nur noch das gleichmässige Rauschen des Wassers unten am Schiffsbug. Da gab es zwei herrliche Ausgucke, einen links und einer rechts, wo die gewaltigen Ankerketten zwei ausserbordshängende Anker festhielten. Da konnte man direkt auf das Wasser sehen. Ein wunderbarer Beobachtungsposten. Mit etwas Glück schwammen gerade einige Delfine vorbei. Oder in Küstennähe sah ich schon Seelöwen, träge auf dem Rücken treibend und ihre glänzenden Schnauzen der Sonne zugewendet. Hörten sie dann das Schiff näherkommen, warfen sie dem Störenfried einen überraschten und missblilligenden Blick aus ihren runden und schwarzen Augen zu und tauchten blitzschnell weg. Aber auch Schwärme von fliegenden Fischen, Haifische und mit etwas Glück auch Wale konnte ich fernab sehen und beobachten. Das aber nur bei ruhiger See. War es stürmisch, dann war da nichts mit dem durch die Ankerklüsen schauen. Da musste man hinter dem Schanzkleid, der Reeling des Schiffes, von den herandonnernden Wellen und fliegender Gischt Schutz suchen.Aber nass wurde man so oder so, denn da spritzte es von vorne und von den Seiten ununterbrochen über Deck und der kräftige Wind blies einem beinahe über Bord. 

Einmal, bei besonders schwerer See wollte ich mit meinem Fotoapparat einige Aufnahmen machen. Zwar war es verboten, auf Deck zu gehen bei schwerer See. Aber wo kann man bessere und eindrücklicher Bilder als von Deck bekommen? War das Schiff beladen, dann lag es so tief im Wasser, dass Schiffsdeck und Meer fast auf gleicher Höhe lagen. Also wagte ich mich einmal hinaus und tastete mich vorsichtig bis Mittschiffs, immer sorgsam das Geländer in der Hand. Das Deck war rutschig wie mit Schmierseife eingewichst und um so schneller verlor man den Halt unter den Füssen. Ich ereichte den vorderen Teil des Decks und brachte mich in eine günstige Position zum Knipsen. Immer und immer wieder musste ich mich hinter der Reeling ducken, um nicht von der See weg- oder überspült zu werden. Hei, wie das toste und krachte, wenn die Wellenberge gegen das jäh erzitternde Schiff andonnerten. Ich hatte einen Heidenspass an diesem wilden Wellenspiel. Es gelang mir, einige Fotos zu machen, bis eine besonders grosse Welle daherrollte mit einer gefährlich weissen Gischt vor sich hertreibend. Wie ich es ziemlich genau abschätzen konnte, musste ich mich jetzt schleunigst in Sicherheit bringen. Denn, wenn ich so fest und mit beiden Füssen auf Deck stand, spülte mich die Welle einfach weg und über Bord. Das war lebensgefährlich, denn schlug man erst einmal den Kopf an einem Geländer oder der Bordwand an, dann war man verloren. Hastig schaute ich mich um, wo und wie ich mich in Sicherheit bringen konnte. Es bot sich ein Lademast an, der, wenn das Schiff auf Fahrt ist, heruntergeklappt wird und somit waagrecht quer über Deck lag. Ich hockte mich rittlings auf diesen rettenden Mast und schon war sie da - eine wild gischtende, grünlichgraue, wild brüllende und sehr bedrohliche heulende Riesenwelle. Mit aller Kraft hielt ich mich fest und schaute zu, dass ich nicht den Fotoapparat aus den Händen verlor. Dann aber, als der Schrecken vorbei war, zog ich mich, tropfnass und mit salzverklebten Augen und zitternd vor Schreck schleunigst in das sichere Schiffsinnere zurück. 

Mein unvorsichtiges Unternehmen hatte allerdings noch ein wenig erfreuliches Nachspiel! Der Alte (Kapitän) rief mich umgehend auf die Brücke und verpasste mir nicht nur eine geharnischte Predigt, nein er brummte mir auch noch zwanzig Franken Busse auf für Ungehorsam und Gefährdung des Schiffsbetriebes.  Die Zwanzigernote bekam das Rote Kreuz.  Aber mit Freude konnte ich beim Entwickeln der Bilder feststellen, dass mir einige davon ganz gut gelungen waren. Doch hinterher sah ich auch ein, dass ich eine unverantwortliche Dummheit begannen hatte. Das kann ja auch nur einem Greenhorn wie mir passieren, der zum ersten Mal zur See fährt und noch keine Ahnung von der ungeheuren Kraft von Wind und Wellen hat. Ich habe mir die Lektion sehr zu Herzen genommen, denn bei diesem Seegang kann keiner mehr gerettet werden, wenn er über Bord geht. Das Auffinden in dieser tosenden, aufgewühlten und schäumenden See ist so gut wie unmöglich und zudem für das Schiff mit einem sehr grossen und kostspieligen Suchaufwand verbunden. So gesehen, bin ich mit meinem Lehrgeld noch ganz glimpflich weggekommen. 


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