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Franz der Schiffskoch
von Franz Manser 2004



Ich mustere auf einem Hochseeschiff an
                                                                                      
Endlich ist es soweit; von der Reederei habe ich das Bahnbillett zweiter Klasse nach London bekommen. Mit einer eher kleinen Reisetasche fand ich mich am frühen Abend an der Bahnstation ein. Zum Glück fand ich ein Abteil ganz für mich, alleine in einem Direktzug nach Dünkirchen, von wo es dann mit der Fähre über den Kanal gehen sollte. Am frühen Morgen des folgenden Tages kam ich in der noch verschlafenen Hafenstadt Dünkirchen an und begab mich zum Hafen. Als ich endlich durch die Sperre gelassen wurde, konnte ich die hell erleuchtete Seefähre besteigen, welche schon an der Pier lag und sofort an Bord gehen. Überall nur dämmeriges Licht, gedämpfte Stimmen, viele mir noch ganz fremde Geräusche. Kaffeeduft lag in der Luft, ja so ein kräftiges Frühstück das wäre jetzt genau das Richtige. Doch das liess noch auf sich warten. Bevor das Schiff ablegt, geht das Restaurant nicht auf!

Doch, endlich endlich war es soweit und alle stürzten sich in das geräumige Restaurant. Auch ich ergatterte mir einen noch freien Stuhl und Tisch und bestellte - na was wohl bestellt man auf einem englischen Schiff zum Frühstück? - gebratene Eier mit Speck. Der Kaffee dazu passte zwar nicht so recht für unseren Kontinentalgeschmack - ein Bier wäre mir entschieden lieber gewesen. Aber was solls? Hauptsache, nach mehr als zwölf Stunden endlich endlich etwas Warmes im Magen! Doch der Geruch von gebratenen Eiern, Speck und vielem anderen undefinierbaren Gerüchen behagte mir nicht lange  und ich begab mich an Deck an die frische Luft. Inzwischen war die Dämmerung vollends dem Tag gewichen und ich konnte die englische Küste näherkommen sehen. Sanft schaukelte das Schiff. Leicht bewegte sich der noch ferne Horizont. Beruhigend plätscherte das Wasser der Bordwand entlang und frisch strich der salzige Wind mir um den müden und verwirrten Kopf. Und ich genoss meine erste Bekanntschaft mit dem Meer.


London, mein erster grosser Hafen

In Folkstone musste ich den Zug nach London - Victoria Station nehmen. Die Bahnwagen waren recht komfortabel aber sehr schmutzig. Um aus dem Fenster zu sehen, musste ich es zuerst sauberwischen. Zeitungen und leere Zigarettenschachteln wurden einfach achtlos auf den Boden geschmissen oder auf den Polstern liegen gelassen. Und dann sah ich zum ersten Mal eine wirklich grosse Eisenbahnstation! Oh, war ich erstaunt! Fast unübersehbar alles und ein Gewühl wie in einem Ameisenhaufen. Und meine Englischkenntisse? Na, die waren gleich Null und wären mir jetzt sehr gut zu statten gekommen! Wie nur finde ich den Weg zu meinem Schiff? Dann erinnerte ich mich an die Anweisungen der Reederei, wie vorgegangen werden soll, kann oder muss. Also ein Taxi nehmen und zum Hafen. Mit dem Taxi findet man alles, kommt überall hin und erfährt sehr viel Wissenswertes und Interessantes vom Fahrer. Ein Taxichauffeur weiss (fast) alles! Die Fahrt dauerte lange und ich staunte nicht schlecht über diese weiten Distanzen, die zu fahren waren.

Und dann stand ich zum zweiten Male am selben Tage vor einem Schiff. Nur, dieses hier war ja noch viel grösser!
Noch war wenig Betrieb und das Wetter war nebligtrüb und sehr kühl. Als ich dann endlich vor "meinem" Schiff stand, bekam ich doch einen ordentlichen Schreck! Hoch und bedrohlich ragte mir der Bug entgegen. Und gross in Goldlettern war der Schiffsname zu lesen, oberhalb der mächtigen Ankern, die an ihren wuchtigen Ketten hingen. Etwas zaghaft und unsicher stieg ich die schwankende Gangway hinauf. Oben wurde ich gleich vom wachhabenden Matrosen empfangen und zum Kapitän gebracht.


Auf der M/S Bregaglia
                         
                                                                                                Schleusen                                                 stürmische See

Aber bis wir auf die Kommandobrücke kamen, hatten wir noch drei Treppen hochzusteigen. Ich war sprachlos - nie hätte ich mir vorgestellt, vorstellen können, wie das Innenleben eines Hochschiffes aussieht! Einfach überwältigend! Zu meiner grossen Überraschung sprach mich der Kapitän in deutscher Sprache an. Lustig war seine Aussprache, denn er war wohl Schweizer (mein einziger Schweizerkapitän, den ich je hatte), ein Walliser aus dem französisch-sprachigen Teil. Ich musste meinen Reisepass abgeben und mich als den von der Reederei gesandten Koch ausweisen. Dafür bekam ich das Seemannsbuch. Darin sind Funktion an Bord, Reise, der Name des Kapitäns sowie des Schiffes und die Aufenthaltsdauer an Bord vermerkt. Einige Begrüssungsworte einige Instruktionen und damit war die Begrüssung auch schon beendet.

Die Küche sah modern und gut eingerichtet aus. Schade nur, dass mein Vorgänger bereits weg war und somit musste ich mich durch den Chefsteward einführen lassen. Der war ein etwas komischer Bursche - ein Tessiner aus der Gegend von Lugano. Doch er sprach nur und ausschliesslich italienisch wie auch der Messboy, der Italiener war, aber auch nur dieselbe Sprache redetete, also italienisch. Gestenreich und unaufhaltsam redend zeigte er mir die Einrichtungen, Kühl- und Lagerräume, die Pantry, ja sogar die bordeigene Waschküche, die ausser wenn er die Bordwäsche wusch, also seinen offiziellen Waschtag hatte, jedermann zugänglich war.


Das Schiff und seine Mannschaft
Wir hatten auf diesem Schiff ein echtes Schweizer Führungs-Quartett: Der Kapitän (Walliser französicher Teil), der erste Maschinenoffizier (Schweizer), der Funker (Berner - er sprach noch den sehr gemütlichen, breiten und langsamen  Bärnerdialekt) und eben der Chefsteward (Tessiner) und ich als erster Koch (ebenfalls Schweizer).
 
Unser Bäcker und Konditor: Welschschweizer und auch der Angenehmste hier in der Küche. Seine Arbeitskleider fertigte er aus leeren Mehlsäcken an. Die wurden damals aus noch wirklich gutem Stoff angefertigt und geliefert. Dann war da der zweite Steward (Lausanne), der die Offiziersmesse und deren Kabinen besorgte und damit voll mit Arbeit ausgelastet war. Der dritte Steward (Italiener mit Schweizerpass), also unser Messboy, machte vor allem Reinigungsarbeiten und half noch etwas in der Küche mit. Alle hatten eben erst auf diesem Schiff angemustert und waren somit neu, wie ich - und unerfahren. Na, dann konnte  es mal losgehen!


Die erste Fahrt

Schon beim Auslaufen ging es los - meine Boy's waren ganz offensichtlich seekrank geworden. Und die Küche hatte nur eine einzige Tür (Schott) die nach aussen führte! Oh, welch ein Gedränge, denn mehr als einer ging da nicht durch das enge Loch. Alle drei fütterten die Fische gut und reichlich. Der zweite, der dritte Steward, der Bäcker, sie alle hatten es höchst eilig, auf's Deck raus zu kommen! Und der Chiefsteward konnte sich ein gemeines Lächeln nicht verkneifen. Und ganz offensichtlich wartete er nur darauf, dass auch ich Fische füttern ging! Aber doch nicht ich! Diese Freude wollte und konnte ich ihm nicht machen. Tatsächlich bin ich niemals seekrank geworden, worauf ich auch recht stolz war. Ein vielleicht nützlicher Tipp: Beim Bemerken eines mulmigen Gefühls in der Magengegend trank ich einen Whisky. Das hat immer sehr gut und nachhaltig geholfen!

Wir hatten eine "Selfservice Messe" die Essensausgabe erfolgte direkt von der Küche aus für die Mannschaft. Für die Offiziersmesse musste der zweite Steward das Essen aus der Küche holen. Das war  bei ruhiger See kein Problem, wohl aber wenn das Schiff in's Tanzen, Stampfen und Rollen geriet! Wie oft habe ich den armen Kollege bedauert, der auf diesem sehr bewegten und unsicheren Boden seine Offiziere bedienen musste. Aber oben in dem Kapitänssalon war es noch viel schlimmer. Da musste nämlich der Chiefsteward höchst himself den Käpten und den Chiefingener bedienen sowie den Funker, der ein dicker Freund vom Käpten war und mit ihnen essen "durfte". Die drei, also der erste Steward, der Funker und der Herr Kapitän assen immer zusammen. Und oftmals durfte ich die Wünsche des Kaptäns selber oben im schönen und gemütlichen Salon abholen. Dafür bekam ich dann ein Bier von ihm geschenkt.

Da wir auch meistens acht zahlende Passagiere auf der Nordatlantikroute mitführten, gab es für die Küche ein Bonus. Und da diese Passagiere (das sollten persönliche Schützlinge des Schiffseigners sein und gehörten einer religiösen Gemeinschaft an) oft schon im Hafen seekrank wurden, war das für die Küchenabrechnug eine höchst rentable Sache, denn es gab Gutschriften. Dafür konnte die Mannschaft dann einige Extras bekommen. Und das waren bei dem eher tiefen Tagessatz  eine willkommene Gelegenheit! Also, um es gleich vorweg zunehmen - fast auf der ganzen Reise die normalerweise 10 Tage dauerte, hielten sich diese Gäste in ihren Kabinen auf. Selten, dass ich einzelne von diesen angeblichen Sektenmitglieder je zu Gesicht bekam.

Das Schiff war speziell für die grossen Seen in Nordamerika konstruiert worden, damit es in die Kanäle und Schleusen passte. Und dementsprechend rollte und schlingerte dieser Kahn auch! Bei ruhigster See noch legte sich diese Badewanne bis zu 45 ° zur Seite. Oft wurden wir von entgegenkommenden Schiffen angefragt, ob wir Probleme hätten. Nein, das Schiff sicher nicht! Dafür aber ich in der Küche! Immer rutschte alles hin und her. Alles musste festgeklemmt und fixiert werden. Nichts durfte herumstehen oder liegen sonst flog es auf den Boden und dann verschwand es unter irgend einem Tisch oder Schrank. Einmal suchten wir gemeinsam inkl. der Messboy eine halbe Stunde lange mein Brotmesser. Erfolglos. Na,so ein grosses Messer kann doch nicht einfach so verschwinden! Mir kam der fürchterliche Verdacht, könnte es nicht...........? Also suchte ich im Abfall nach - leerte den Kübel auf dem Boden aus - mit Erfolg: mein schönes, grosses Brotmesser kam zweiteilig zum Vorschein. Schnell klärte sich dieser Umstand auf: Der liebe Messboy war auf das vom Tisch heruntergefallene Messer getrampt - es zerbrach unter seinen Zoccoli (Holzschuhen), und weil der arme Bursche Angst hatte, mir dies zu gestehen, liess er es vermeintlich elegant im Abfall und etwas versteckt verschwinden. Aber wer wollte ihm schon böse sein? Der Hellste war er ja nicht gerade. Mit dem Chiefsteward kam er, obwohl auch italienischsprachig, nicht besonders gut aus. Hatten die beiden wiedermal einen Disput miteinander, was des öfteren vorkam, so nahm er den Schrupper und begann ganz energisch und wild die unschuldige Küchendecke zu schruppen. Oh, was hatten wir oftmals ab diesem einfachen Gemüt gelacht! Einmal fiel er in den Kübel mit Causticsoda (ein sehr scharfes Putzpulver). Und da er immer in seinen  blaukarierten Kochhosen herumlief, blieb von da an die Sitzfläche weiss wie ein Spiegel.
 


Schmuggeleien

Der Bäcker/Konditor hingegen liebte das Schmuggeln, wenn wir den "richtigen" Hafen anliefen! Und das machte er so:
Er verpackte ganze Stangen Zigaretten (1 Stange = 10 Schachteln à 20 Stück) in ein ausgehöhltes Brot oder er backte es sogar direkt mit. Das funktionierte natürlich auch mit Whisky, Cognac oder Parfüms, natürlich ohne Mitbacken. Beim Schmuggel ist der Fantasie keine Grenzen gesetzt! Gefährlich wurde es allerdings nur in sehr streng kontrollierten Häfen. Zur damaligen Zeit war Rauschgift noch kein uns bekanntes Problem und so wurden die Schiffe auch nicht so rigoros wie heute durchsucht. Doch so mancher verlor die Nerven, wenn die Zollbeamten zu suchen anfingen! So hatte einer von den Motormännern brasilianische Zigarren in einem leeren Centertank versteckt. In seiner Panik flutete er denselben und sein ganzes so gewinnträchtiges Schmuggelgut ging verloren. Im Nachhinein musste er dann noch mühsam die aufgelösten Cigarren aus dem Tank waschen.

Auch ich machte meine "Geschäfte" zusammen mit dem Chiefsteward. Das war mir als Anfänger sicherer als auf eigene Faust. Fuhren wir in die USA, wurde vor allem Emmentaler im grossen Stil geladen und dann zuerst an die Hafenbehörden verhöckert. Das rentable Geschäft fing erst mit den Hafenarbeitern und event. Passanten an.
Das ging ganz gefahrlos, zuerst die Autority und dann das Fussvolk. Die Gewinnmarche war recht gut und besserte unsere eher magere Heuer etwas auf.


Freizeit an Bord

Da ja immer jemand zu jeder Zeit auf Wache war, waren wir nie alle beieinander. Meistens hielten wir uns in der Mannschaftsmesse auf. Manchmal auch in kleinen Gruppen in den Kabinen. Fernsehen, Radio oder Spielkästen wie sie heute wohl überall anzutreffen sind, hatten wir damals in den frühen sechziger Jahren noch nicht. Wir bekamen in Duluth von einem gutmeinenden Mann  ein ganz neues Fernsehgerät, doch das lief nur gerade an der amerikanischen Küste und sonst nirgendwoanders auf der Welt. Wohl gab es eine kleine Bücherei, aber die hatte ich bald einmal in allen Sprachen ausgelesen. Zum Glück kamen die kleinen, mit Batterie  betriebenen Transistor Radios auf. Doch Empfang gab es nur in der Küstennähe. Einer von der Besatzung besass ein Gramophon, aber das war etwas kompliziert auf See. Doch im Hafen lief der recht fleissig, meistens mit Schallplatten, die am Ort gekauft wurden. Wollten wir doch eimmal auf hoher See Musik hören, dann wurde das Gerät mit einer Konstruktion aus Spiralfedern an der Decke aufgehängt und so konnte leidlich Musik abgespielt werden. Der Tonarm schwang allerdings von Zeit zu Zeit von der Disk ab. Andere Vergnügen gab es an Bord nicht, ausser Essen, Trinken, Rauchen und endlose Palaver.


Meine Arbeit in der Küche

Der Herd, das wichtigste Stück, steht in der Mitte der Küche. Sechs grosse, viereckige Heizplatten bilden die Herdoberfläche. Zwei Backöfen befinden sich im unteren Teil. Dazu gehört auch der "Gartenhag", um die Pfannen und Casserolen bei Sturm festzuhalten, damit sie keinem auf die Füsse fallen. Querleisten verhindern ein Verrutschen und Hochspringen des Kochgutes. Über dem Herd ist ein Dampf- und Rauchabzug montiert. An der Wand entlang befindet sich auf der einen Seite ein grosser, metallener Arbeitstisch mit Schubladen, um die Messeer und anderes Werkzeug darin zu versorgen. Eine Durchreiche (Pass) dient für die Speiseausgabe und nimmt fast die ganze Stirnseite der Küche ein. Darunter angeordnet befinden sich die Tellerhalter, eine sehr sinnvolle Einrichtung. Die Teller befinden sich auf einer Spiralfeder und seitlich darum herum führt ein halbes Rohr. So können die Teller festgehalten und zugleich bequem erreicht werden. Darunter  befinden sich Warmhaltefächer für die Speisen. Dieselben stehen in Behältern in einem geheizten Wasserbad. Wiederum einen Stock tiefer die Kühlfrigors (Kühlschränke) für die Getränkeausgabe. Alles gut und sinnvoll eingerichtet.

Die Bäckerei ist separat untergebracht und der Bäcker kann so ungestört arbeiten. Ein grosser Vieretagen-Ofen steht ihm zu Verfügung, eine Knetmaschine für den Teig sowie ein Gärraum, um den Brotteig aufgehen zu  lassen. Natürlich fehlt ein Arbeitstisch mit Marmorplatte für die Pâtisserie nicht. Marmor vermindert das Ankleben des Teiges und die Zuckerverarbeitung. Verschiedene Hilfsgeräte vereinfachen seine Arbeit auch als Pâtissier. Alles ist da, nichts fehlt.

Kommt noch die Pantry, wo das Geschirr aus Küche und Messen (Speiseraum) abgewaschen wird. Etwas eng, ja, dafür aber auch praktisch, weil wenig Arbeit zum Putzen. Die Küche liegt achtern, also ganz hinten auf dem Schiff. Und das Schönste, über eine hohe Schwelle, die das Wasser von aussen davon abhalten soll, in die Küche einzudringen, gelangt man direkt auf Deck. Die Türe steht natürlich bei Schönwetter meistens offen. So ist für genügend Frischluft gesorgt.


Von der Küche führt eine steile Treppe in die Vorratsräume hinunter. Etwas unbequem und bei unruhigem Seegang auch nicht ganz ungefährlich. Unten, ohne Licht völlig dunkel, befinden sich nun die Kühl- und Gefrierräume; ein Vorkühlraum für frisches Gemüse, Obst, Milch und deren Produkte und natürlich das zum Auftauen aus dem Tiefgefrierer ausgelegte Gut. Der Tiefgefrierraum ist ein wahres Geschenk der Technik! Was würden wir ohne diese sehr sinnvolle Konservierungstechnik essen auf einem Schiff, das wochenlang auf See fährt ohne tägliche Anlieferung von frischen Lebensmitteln aller Art? Da drinnen wird alles aufbewahrt, was verderblich ist: Fleisch, ganze Hinterviertel von Rind, Kalb, Schwein usw. Fisch, Geflügel, Fruchtsäfte, Milch und auch Gemüse, welches sich zum Tiefgefrieren eignet.
Und natürlich immer alles ganz schön gross, denn für ca. vierzig Mann Besatzung kommt eine ganz schöne Menge Lebensmittel zusammen.

Im Vorraum steht der Arbeitstisch des Metzgers. Ein grosser Hackblock aus speziellem harten Holz, um die Knochen durchzuhacken und zu sägen. Diese Arbeit übernimmt der Chiefsteward im "Nebenamt". Ein weiteres "Nebenamt" für den Chiefsteward ist auch die Bordwäsche. Und das war ein Wäschetag, der es in sich hatte für den braven Chief. Obwohl er das Bier sehr gut vertragen mochte, es auch sehr reichlich genoss und an seinem "Waschtag" ganz besonders, bekam er doch eines Tages etwas zuviel davon ab. Kam in die Küche und hatte es sofort auf mich abgesehen. Womit ich mir seine Wut zuzog, ist mir bis heute unerklärlich geblieben, aber jetzt hatte er es ganz eindeutig mit mir! Ein Wort gab das andere und da mein französisch noch nicht so ganz perfekt war, mochten meine sicher nicht mit böser Absicht schlecht gewählten Worte ihn noch mehr erzürnt haben. Auf jeden Fall explodierte der gute Mann förmlich und sprang mich mit seinen riesengrossen, schaufelartigen Händen ganz bedrohlich an. Nun war aber Fersengeld angesagt, wollte ich nicht zwischen seinen Pranken zermalmt werden. Also begann ich mich auf die andere Herdseite zu verziehen. Doch der wutschnaubende Kerl folgte mir wie ein wütender Stier und so drehten wir uns beide bald wie ein Karusell rundherum wie in einer spanischen Stierkampfarena. Dann ging ihm wohl die Puste aus und er verliess wutschnaubend die Küche. Für diesen Tag liess er sich glücklicherweise nicht mehr blicken. Am anderen Tag wusste er gar nichts mehr davon.
Wahrscheinlich hatte ihm da das Zzusammenspiel von Hitze und Dampf einen Streich gespielt?


Sogar eine Wäscherei an Bord

Dafür ist unser Schiff mit einer Waschküche ausgerüstet, mit einer grossen Waschmaschine und einem Tumbler (Wäschetrockner.) Aber auch die Besatzungsmitglieder durften da nach vorheriger Anmeldung beim Chief ihre Wäsche waschen. Mir passierte das Missgeschick, dass ich meine Wäsche im Tumbler vergass. Als  ich mich daran erinnerte, drehte sich meine Wäsche inmitten einer vor Hitze rotglühenden Trommel. Was von der so schön frischgewaschenen Wäsche noch übrig blieb, brauche ich dem geneigten Leser wohl nicht zu erklären.


Leben auf dem Schiff

Essenszubereitung  und Verpflegung:
Die Verpflegung besteht aus dem Frühstück, dem Mittagessen und dem Nachtessen. Ausserdem befindet sich in der Mannschafts- sowie in der Offiziersmesse ein Kühlschrank mit einer Zwischenverpflegung für die Wache. Die Offiziersmesse befindet sich gleich neben der Küche, ist jedoch nicht einssichtbar für die Küchenbelegschaft. Die Mannschaftsmesse liegt, wie schon beschrieben gleich neben der Küche mit mit direkter Essensausgabe.
Und der Kapitän ass zusammen mit dem Chiefingener und dem Funker zusammen im Salon. Der ist gediegen und grosszügig eingerichtet. Serviert wurden die Herren vom Chiefsteward ganz persönlich! Von der Küche führte ein kleiner Aufzug hinauf in den Speisesaal des Kapitäns.

Die Verpflegung ist gut und reichlich, doch ist ein fester Tagessatz pro Kopf und Tag festgelegt. Der darf nicht überschrittren werden. Den Ausgleich erhält man, wenn man den Monatsetat durch dreissig teilt. Meistens kam ich damit so leidlich durch, und wenn nicht, dann gab es halt Schelte vom Chiefsteward über den Kapitän bis von der Reederei.
Der Kapitän war Walliser, der Chiefing. Deutschschweizer und der Funker Berner. Die drei assen recht gerne von Zeit zu Zeit ein währschaftes Käsefondue, wofür der Walliser sich die Zutaten direkt aus der Schweiz zustellen liess. Und wie es sich gehörte, fehlte weder der richtige Wein (Fendant) noch der übliche Kirsch. Und daran tat ich mich natürlich bei Gelegenheit auch etwas gütlich. Einmal erwischte ich wohl etwas zuviel davon und baute einen kleinen Selbstunfall! Die See rollte schon seit Tagen schwer gegen das leere Schiff an (wir fuhren mit Ballast über den Atlantik) und ich machte meinen allabendlichen Kontrollgang durch die Vorratsräume, um nachzusehen, ob auch alles fest ist und nichts lose herumfährt. Und da das Schiff sehr stark rollte und schlingerte, hielt ich mich, sonst schon etwas schwankend, mit der rechten Hand am Türpfosten fest. Das Schiff überholte wieder mächtig und die Aussentür des Gefrierfrigors knallte mir mit ihren 300 Kilogramm  voll auf die Finger und das Blut spritzte nur so weg. Ich erschrack ganz gewaltig und meldete mich sogleich beim Sanitäter. Das war der zweite Deckofficer, ein Italiener. Der aber fiel beim Anblick meiner arg lädierten   Hand gleich in die Badewanne im Sanitätsraum. Also musste anderweitig Hilfe angefordert werden.

Es kamen der Schiffselektriker, der Chiefsteward und der Bäcker. Gemeinsam und mit vereinten Kräften verarzteten sie mir nun die verletzetn Finger und desinfiziert wurde mangels des richtigen Mittels, das wegen Ausfalls des "Schiffsarztdoktors" nicht vorhanden war, mit Whisky. Das ging prima - ein bisschen, aber nicht zuviel - über die Hand gegossen und der Rest der Flasche veschwand so nach und  nach, sozusagen als "Schmerzstillendes Medikament" in meinem Bauch. Ich darf versichern; nie hat mir auch nur einer der drei durchschlagenen Finger Schmerzen bereitet. Sogar der in Montreal bereitstehende Arzt fand die drei Finger schon ganz ordentlich gut verheilt. Somit brauchte ich seine Hilfe nicht mehr! Und das dank tatkräftiger Hilfe von Elektriker, Chiefsteward und Bäcker! Doch ein leichtes Spannen in den Fingern ist geblieben und spüre ich auch heute noch.

Weniger  glimpflich lief ein Unfall im Hafen von Superior, oben in den grossen Seen, ab. Da hielten sie eine Lifebootübung ab. Da sich der Elektriker an der Winde und der Bootsmann oben auf dem auszufahrenden Rettungsboot nicht sehen konnten, musste ein Mann zwischengeschaltet werden, um die Befehle zu übermitteln. Ein dummer Zufall oder ein Missverständnis wollte es, dass der Bootsmann den Schwirbel zur manuellen Bedienung in's Getriebe eingesteckt hatte und in der Hand hielt, der Elektriker aber den Befehl bekam, die elektrische Winde zu betätigen. Und schon war der Unfall passiert.Dem armen Bootsmann wurde die rechte Körperhälfte gar arg gequetscht, so dass er notfallmässig an Land in ein Spital eingeliefert wurde. Natürlich mussten wir dann ohne ihn ausfahren. Wie ich viel später erfuhr, haben ihn die amerikanischen Ärzte wieder gut zusammen bekommen und er konnte nach einigen Monaten heimfliegen.

Aber wüste Unfälle gab es auch im Maschinenraum. Alles ist von einem dünnen, unsichtbaren Ölflim  überzogen. Die Treppen sind aus Eisenblech und stehr steil. Rutscht da einer aus, dann saust er bis zu unterst an die Treppe. Meistens überstand das der Unglückliche mehr oder weniger schadlos und manchmal halt auch nicht. Oder die Dampfdruckrohre ! Wenn eines davon leck wurde, und das kam schon mal vor, dann zischte der brühendheisse Dampf ohne Warnung hinaus und wehe, wer dem im Wege stand. Der verbrannte sich fürchterlich.

Für solche Fälle hatten wir ein kleines Bordspital an Bord. Der Arzt war der zweite Navigationsoffizier. Da standen vier Betten, das übliche Gerät wie in einer Landarztpraxis, ein Badezimmer und eine Liege. Da konnten dann die Patienten auf gut Glück behandelt werden.


Die Reisen
Wir fuhren im Charter und bekamen die Anweisungen direkt von der Reederei per Funk übermittelt. Oft wussten wir nicht, wo die nächste Reise hinführte. Manchmal fuhren wir einfach aus, um die teuren Hafengebühren zu sparen. Nun, vorerst waren wir zufrieden, dass die Post ankam, die Verprofiantierung geklappt hatte und die Stores wieder gefüllt waren mit Zigaretten, Getränken und sonstigen Bedarfsartikeln. Natürlich kommt noch vieles mehr für Maschine und Nautik an Bord. Ebenfalls muss von Zeit zu Zeit gebunkert werden (Treibstoff für Schiff und Hilfsdiesel sowie event. Trinkwasser.) Es war ein spannendes Warten, bis wir erfuhren, wohin die Reise ging. Am liebsten hörten wir natürlich Destinationen wie: Südamerika, Ostasien oder auch das südliche Afrika.
 


Die grossen Seen von Nordamerika
Die grossen Seen waren ein Erlebnis für sich! Wir hatten das grosse wie seltene Glück, in die grossen Seen von Nordamerika fahren zu dürfen auf dem Weizentransport. Da gehts vorbei an den ersten Inseln am Ostrand des Atlantiks. Schon die Einfahrt in den St. Lorenzstrom ist beeindruckend: links und rechts fährt man an unbewohnten, natürlichen Inseln und Inselchen vorbei. Und da hatte unser Bäcker den tollen Einfall für eine seiner vielen Spezialitäten: Bauernschinken "alla Belle Islands" (schöne Inseln.) Er umgab einen schönen, grossen gekochten Schinken mit Brotteig und buck ihn im Ofen, bis er ganz schön und rundum knusperig und krustig war. Ein allseits beliebtes Festessen. Denn der Brotteig sog sich mit dem Saft des Schinkens voll und war daher ein ganz besonderer Leckerbissen. Die eigentliche Flussfahrt begint bei Quebec. Wie eine Burg tront die Stadt oben an der linken Hangseite des St. Lorenzstromes. Übrigens: Die Kanalstrecke ist für Ozeanschiffe erst seit 1958 schiffbar. Und: Die Fläche der fünf Seen zusammen beträgt 205'000 Quadratkilometer.

Bald fährt man dann durch liebliche bewaldete Gegenden, die sich mit Wiesen und Sümpfen abwechselten. Dörfer säumten malerisch den breiten Strom. Dann kommt die erste Schleuse, die das Schiff auf die nächst höhere Ebene bringt. Dann geht die Reise durch Kanäle, die sich immer wieder durch Schleusen unterbrachen. Im ganzen sind es wohl an die vierzehn Schleusen auf der ganzen Strecke. Eine Schleuse hatte sogar mehrere Stufen, eine nach der andern wie eine Treppe. Da hatten wir dann die gute und einmalige Gelegenheit, die Niagara Fälle zu besuchen, die zwischen dem Ontario- und Eriesee in der Nähe von Buffalo liegt. Natürlich mussten wir uns ein Auto organisieren was aber weder in Kanada noch den USA ein Problem ist.

Da bleibt einem nicht nur der Atem weg ab der Grösse dieses imposanten Wasserfalls, sondern auch ab dem Wasserstaub der durch die klare Luft wirbelt. Die Amerikaner und Kanadier teilen sich dieses Naturwunder. 
Dann gehts weiter hinauf, es folgen der Ontariosee, der Erisee der Huronsee und zu oberst dann der Lake Superior. Hier oben in Duluth wird der Manitoba Weizen geladen, der per Bahn bis an den Hafen gefahren wird, von wo das Getreide dann in die ganze Welt verschifft wird. Einen Teil luden wir hier und einen anderen in Superior. Um von einem Ort zum andern zu gelangen, brauchten wir nur eine kleine Brücke zu passieren. Dann waren wir nicht nur in einer anderen Stadt (Superior, sondern auch in einem andern Country (Minnesota/Wiscosi. Und das Schöne daran war: War auf der einen Seite Polizeistunde und die Bar's schon geschlossen, brauchten wir nur über eine kleine Brücke zu gehen und konnten eine Stunde weiter trinken, weil sie dort eine Stunde länger offen hielten (Zeitdifferenz eine Stunde). Wir konnten jedoch nur zwei Drittel des Schiffes beladen, denn bei Detroit war so etwas wie ein Schwelle im Fluss. Jedesmal, wenn wir darüber fuhren, sass das Schiff achtern auf. Es gab einen kräftigen Rumps und ein Knirschen, dann ging die Fahrt weiter. In Montreal luden wir dann den Rest. Das ging jeweils nur immer viel zu schnell. So bekamen wir auch nur wenig von dieser schönen und interessanten Stadt zu sehen. Einige von uns wollten sich ein Tatao als Erinnerung an Kanada auf die Haut setzen lassen, doch der einzige uns bekannte Künstler hatte an diesem Tag sein Atelier geschlossen.


Zurück nach Europa

Zurück ging es dann meistens nach Rotterdam, wo die Fracht in Rheinschiffe umgeladen wurde. Es sah richtig lustig aus: wir hoch oben auf unserem Riesen und die sehr klein erscheinenden Rheinschiffe unten auf dem Wasser wie putzige Spielzeuge. Die Rheinschiffer ärgerten sich, wenn wir ihnen Süsswassermatrosen zuriefen. Verprügeln konnten sie uns deswegen aber nicht, denn wie wollten sie auch zu uns hochklettern?

Da wir öfters nach Rotterdam kamen, kannten wir mit der Zeit diese moderne Stadt ganz ordentlich. Gerne berichte ich wieder von einer meiner weiteren Reisen.

Bis dann also und ich danke Dir für die Zeit, die Du für's Lesen meiner Geschichte gebraucht hast.

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