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Eisbären in Port Churchil (Canada)

von Franz Manser, Mai 2005



Wer kennt sie nicht, diese grimmig dreinblickenden Gesellen in ihren zotteligen gelblichweissen Fellen.
   
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(Die Bilder sind dem Internet entnommen, entsprechend meinen  Erinnerungen)

Wer schon einmal das Glück hatte, direkt in das ausdruckslose Gesicht zu schauen, dem bleiben wohl die zwei stechenden, eiskalt blickenden  Knopfaugen und die wie frisch polierte und glänzende schwarze Nase unvergesslich in Erinnerung.

Nun, so nah bekamen wir diese Gesellen zwar nicht zu Gesicht in Port Churchill, an der am Hudsonbay gelegenen und durch die Hudsonstreet erreichbaren Bucht im nördlichen Kanada. Dorthin führte uns die Seereise quer über den nördlichen Atlantik, um von dort den berühmten Manitobaweizen zu holen und nach Europa zu schippern. Diese Fahrten konnten nur während den Sommermonaten von Juni bis anfangs Oktober bewältigt werden. Da lag der Atlantik meistens ruhig und friedlich da. Meistens, aber auch nicht immer. Um die Grönlandspitze herum trafen wir sehr oft ein Heer von treibenden, bizarr geformten Eisbergen an. Das erforderte von der Schiffsführung allergrösste Aufmerksamkeit und grosses Geschick. Ein Zusammenstoss mit diesen majestätisch und still dahintreibenden Giganten  wäre tödlich gewesen. Doch des nachts leuchteten sie bei Mond hell auf und waren leicht ausfindig zu machen. Hingegen ohne diese himmlische Beleuchtung waren sie nur mittels Radar auszumachen. Bei Nebel war es zusätzlich zum Radar vorgeschrieben, dass vorne im Mastkorb eine Wache Ausschau hielt. Wir hatten jedesmal Glück und kamen immer heil an diesen "Geisterschiffen der Arktis" vorbei, was jeweils dann im Hafen von Port Churchill ausgiebig gefeiert wurde.

Der Hafen von Port Churchill war eigentlich nur eine Anlage zum  Verladen von Weizen. Und das war nur während drei bis vier Monaten im Jahr möglich. Die übrige Zeit blieb die Hafenzufahrt  geschlossen, weil die Zufahrt wegen Eisbarrieren unpassierbar war. Vom Nordatlantik führte nur ein schmaler Korridor zur Bucht, in der der kleine Hafen lag und die war auch nur bei Flut befahrbar. Also konnte man nur bei Hochwasser hinein- und bei Hochwasser aus der Bucht wieder hinausfahren. Die Sommermonate waren somit auch für die Eisbären eine Beschwernis, denn sie mussten den weiten Umweg über die Siedlung von Port Churchill nehmen. Und deswegen befanden sich auch die Eisbären dort nur im Sommer. Ihre Anwesenheit freute auch die Einheimischen wenig, denn die vierbeinigen Gäste richteten allerhand Unordnung an und manchmal schlugen sie auch schon eine Tür ein, um das Innere der Hütte oder des Hauses auszuräumen. Die Tiere waren immer hungrig, da sie ja von ihren Futterplätzen im Meer abgeschnitten waren. Die Eisbären waren geschützt und durften keinesfalls abgeschossen werden.

Was für die Bären lästiges Hindernis war, war für die Handelsschifffahrt ein Segen. Hier wurde der amerikanische und kanadische Weizen angeliefert aus Manitoba, Saskatchewan, Alberta und den umliegenden Gebieten. Der kam in ewiglangen Güterzügen, die selten mehr als 30 km schnell in der Stunde  fuhren. Wer einmal vor einem Bahnübergang gestanden hat, kann das bestätigen. Kein Ende scheinen diese von mächtigen Dieselloks gezogenen Züge zu haben. Dann wird der Weizen mittels kräftiger Elevatoren in die himmelhoch ragenden Betonsilos gepumpt, wo der berühmte nordamerikanisch und kanadische Hartweizen vorerst gelagert wird. Dann wird er auf die Schiffe verladen. Das sind meist Massengutfrachter und werden Bulkcarrier genannt. Das Beladen geht dann so, indem das Schiff am Kai festmacht wird und mittels Rohrverbindung vom Silo zum Schiff der Weizen flüssig in den riesigen, tiefen Schiffsluken verschwindet.

Was die Meisten nicht wissen; Weizen verhält sich wie Wasser, man kann darin ertrinken, resp. ersticken. Der Weizen bildet keinen festen Untergrund, worauf man stehen kann. Man sinkt ein wie im Wasser. Eine Rettung für den Unglücklichen dürfte es kaum mehr geben. Er ertrinkt resp. erstickt  lautlos in den Körnern. Draussen hingegen, um die Silos herum, wo verlorengegangener Weizen fusshoch  im Freien und rund um die Silos herumlag, tummelten sich jede Menge Ratten. Riesengrosse Tiere, die ohne weiteres die Grösse ausgewachsener Katzen erreichen können. Damit die Tiere nicht auf die Schiffe kommen, werden an den Festhaltetauen riesige Blechteller, sog. Blenden, angebracht. Des nachts aber machten Rattenjäger Jagd auf sie. Sie gehen immer zu zweit, der eine mit einer starken Stablampe, welche die Umgebung ausleuchtet, der andere mit einem Gewehr. Doch dieser Menge von Ratten konnten sie natürlich nie beikommen. Um von den Schiffen an Land zu kommen, sind lange, schmale Holzstege angelegt. Zwischen jedem Bodenbrett hat es eine Lücke, ein Spalt, und der ist breit genug, dass die äusserst wendigen Nager zwischendurchschlüpfen können. So kann es leicht vorkommen, dass man auf dem Steg einer dieser Riesenratten begegnet. Natürlich hat sie den Mensch gesehen und richtet sich sofort in Abwehrstellung auf. Ganz imposant, die Grösse, die sie da demonstrieren können. Vor allem stechen einem die leuchtenden Knopfaugen und der mächtige, vibrierende Schnauz sowie der mächtiglange Schwanz in die Augen und lassen einem sehr vorsichtig werden. Nun ist es nicht so, dass die Tiere sofort verschwinden und uns Zweibeinern Platz machen würden. Nein, die lassen es wohl gerne drauf ankommen, es mit dem Menschen aufzunehmen. Zum Glück haben sie nicht sehr viel Geduld und sind auch nicht besonders angriffig. Sie verschwinden umgehend wieder zwischen einer Bodenspalte und der Weg ist wieder frei. Es wäre aber auch nicht empfehlenswert, sich mit ihnen auf einen Kampf einzulassen. Man denke nur an die unheimlich spitzen Zähnchen, die diese Tierchen besitzen.

Das Schönste aber war in Port Churchill das Nordlicht!  Wirklich einmalig! Wir befinden uns nämlich auf dem 58. nördlichen  Breitengrad und somit sehr nahe am Nordpolarkreis. Das Schauspiel am nächtlichen Himmel über Port Churchill ist wirklich einmalig. In allen Farben und Mustern flackert und zuckt es ununterbrochen über den Himmel, dem gesamten Horizont entlang soweit das Auge sehen kann. Ein Flackern, ein Zucken, dann wieder fliessend, leicht ab- und dann wieder zunehmend, ein ewiges Auf und Ab. Nicht sattsehen kann man sich an diesem Naturwunder und kriegt dabei einen steifen Nacken. Immerhin geht die Temperatur hier des nachts tief unter die Nullgradgrenze. Auch den Tag über, mitten im Hochsommer, steigt das Thermometer nicht viel über Null Grad Celsius. Dann aber ist Aufwärmen angesagt. Kneipen sind zwar äusserst rar und die Auswahl ist somit sehr klein und bescheiden, und dementsprechend die Getränke auch teuer. Aber, was solls? Nach solch einem wunderbaren Schauspiel darf man sich doch einige gute und kräftige Drinks gönnen, oder?
 
Aussser uns befanden sich auch Hafenarbeiter dort. Hinter dem Tresen fiel mir ein komisches Kommen und Gehen auf. Das waren Einheimische, also Indianer, dunkelhäutige, schwarzhaarige und düster dreinblickende Gestalten. Sie kamen mit leeren Händen, verliessen aber mit Whisky- Rum- oder Wodkaflaschen
durch den Hintereingang wiederum das Haus. Ich erfuhr von einem der Gäste, dass die Abgabe sowie der Besuch des Lokals den Ureinwohnern, die in einem nahen Reservat lebten, verboten war. Doch, der Handel lohnte sich wohl zu sehr für den Wirt, so dass er diesem Verbot keine Beachtung schenkte. Nach feuchtfröhlichem Zusammensein in dieser Beiz mussten wir uns aber auch einmal auf den Heimweg machen. Es ging quer durch das im diffusen Dämmerlicht schlummernde Port Churchill zurück zum Hafen. Wir wunderten uns über die vielen umgeworfenen Mülltonnen und den darumherum verstreuten Abfall. Da haben wohl Vandalen auf dem Heimweg aus lauter Übermut diese Unordnung angerichtet - dachten wir. Die Sache aber war ganz anders. Doch das erfuhren wir erst später und nur ganz beiläufig.
 
Wie uns erklärt wurde, seien das die Eisbären auf der Futtersuche, die sich derart rüpelhaft an den Mülltonnen zu schaffen gemacht hätten. Aha, so ist das? Und, wieso haben wir denn keine Eisbären gesehen? Da wir ja einige Tage im Hafen lagen und somit auch einige Tage oder besser Nächte durch die Ortschaft gezogen waren, mussten wir ja irgendwie und irgendwo auch an den Bären vorbeigekommen sein. Da habt ihr aber Glück gehabt, dass ihr keinem von denen begegnet seid, war die trockene Antwort. Wir verführten wahrscheinlich auf unserem Heimweg einen solchen Lärm, dass sich die Tiere wohl frühzeitig verzogen hatten.

Später las ich dann in einem Artikel, dass die Behörden im Sommer regelmässig Bären einfingen, die sich in oder in der Nähe Port Churchill's herumtrieben. Die wurden dann per Helikopter wieder an die nahe Küste geflogen und dort freigelassen. Ihnen blieb ja gar keine andere Wahl auf ihrer Reise. Das Eis auf ihrem natürlichen Weg war weggeschmolzen  und somit mussten sie den für sie sicher beschwerlichen Landweg nehmen und somit durch Port Churchill  hindurchgehen, ob sie das nun wollten oder nicht. Ihr Problem ist denn auch der Hunger. Weitab von ihren Jagdgebieten fanden sie ihre tägliche Nahrung - wie Robben und andere für sie genehme Beute - nicht und mussten sich halt mit den zivilen Abfällen der dortigen Einwohner begnügen.

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