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Der
durchgedrehte Koch von
Franz Manser .
. 1. Manchester-Liverpol GB Bei strömenden Regen landete meine Maschine auf dem düster wirkenden Flughafen von Manchester. Eigentlich hätten wir in Liverpol niedergehen sollen. das konnten wir aber wegen dem starken Regen und Nebel nicht. Am Schalter der Swissair erkundigte ich mich, wie es nun weitergehen soll. "Wir besorgen Ihnen ein Taxi auf Spesen der Fluggesellschaft." Und so kam ich noch zu einer kleinen Gratisreise auf dem festen Boden, auch wenn es die ganze Zeit regnete. Was mir gleich auffiel; ich hatte
schon besser erhaltene Schiffsrümpfe gesehen als diesen da! Rost wo man
hinschaute, nur noch wenige, undefinierbare Farbresten da und dort. Nun, das
passte ja geradezu zu diesem trüben Wetter. Ich erkletterte die Gangway,
meinen von Büchern ziemlich schweren Seesack mühsam auf den Schultern
balancierend. Alles machte innen einen sehr gediegenen Eindruck. Dunkles, schönes Mahagonieholz verkleidete Wände und Decken und gaben dem Innenleben des Schiffes eine etwas gemütliche und warme Atmosphäre. Dicke Teppiche dämpften die Schritte. Und auch das Licht war gedämpft und eher schwach. Na ja, die Altersschäden des Schiffes sollten ja auch nicht gleich sichtbar sein, da genügte ja schon die Aussenansicht oder? Dann führte mich der zweite Steward (der war für die Offiziersmesse zuständig) in die Lebensmittellagerräume. Und wie auf allen Schiffen waren die nur durch enge Korridore und und steile Treppen sehr unbequem erreichbar. Da gings erst eine fürchterlich steile Treppe hinunter, einen sehr engen und niedrigen Gang entlang zu den nicht weniger engen und schlechtdurchlüfteten Storeräumen. Da lagen Lebensmittel in grossen Mengen. Im Frischraum Gemüse,Salate, Früchte, Brot und Würste aller Art und Herkunftsländer. Frischfleisch für den sofortigen Verbrauch. Frischmilch und an Land frisch-gebackene Brotlaiber. Käse aller Arten und Provenienzen von Emmentaler bis Gorgonzola und geriebenem Parmesan. Butter gesalzen und ungesalzen in Kiloblöcken. In einem Trockenraum lagen zu hunderten Konserven aller Grösse und Inhaltes. Teigwaren von Spahetti bis zu den unbeliebten Zementröhren (Maccaronis). Mehl, von weiss bis dunkel und Vollkorn,Reis, Zucker, Kaffee, Schokoladenpulver, Produkte für die Bordbäckerei und Bordküche. Und im Gefrierraum ganze Rinderhinter- und Vorderviertel, Kälber- und Schweinehälften hingen da an Hacken von der Decke herunter und baumelten sanft hin und her den wiegenden Bewegungen des Schiffes folgend. In Kisten lagen gefrorene Rinds-, Schweine- und andere Lebern, Kutteln, Rinds- und Kalberzungen, gesalzen und gepökelt oder eben auch nur frisch eingefroren. Auch Fische gibt es zu hauf und aller Arten. Und vor dem Gefrierraum die Metzgerei wo all diese Fleischstücke ausgebeint und zerlegt werden. Gut und zweckmässig eingerichtet, muss ich sagen. Das wird allerdings dann meine Arbeit sein, den Fleischer zu machen und dem Koch die präparierten Stücke in die Küche hinaufzubringen. Denn der Chiefsteward sitzt ja nicht nur hinter seinen Haushaltbüchern, Menüplänen, Bestelllisten, Deklarationsformulare für die Zollbehörden, die ja immer ganz genau wissen wollen, was da so auf einem Schiff mitgeführt wird. In den USA haben die Hafen(Gesundheits)behörden die Stores kurzerhand geschlossen und versiegelt! Alles musste frisch von amerikanischen Händlern und amerikanischer, eventuell auch - wenn auch seltener - kanadischer Produktion sein. Ein Problem für den Koch! 2. Liverpol-Casablanca Nun wären wir also auf Fahrt. Den Kapitän, ein Indonesier mit holländischem Passport habe ich begrüsst und mich so gut es eben ging den Leuten vorgestellt. Alle sind ja nie gleichzeitig anzutreffen, ausser während der Essenspausen und auch hier nur wer wachefrei war. Den nervösen Koch habe ich schon erwähnt. Mit dem Bäcker/Pâtissier bin ich schon auf dem vorherigen Schiff gefahren. Ein sehr angenehmer und ruhiger Welschschweizer. Es freute mich ungemein, ihn auch auf diesem Schiff dabei zu haben. Der erste Messboy war ebenfalls ein Welschschweizer sowie auch der zweite, der zugeich auch die Pantry und andere Arbeiten besorgte. Kurzum, die französische Sprache herrschte vor im Steward-Departement. Mit dem Koch besprach ich den laufenden Menuplan und versuchte zugleich heraus zu finden, mit wem ich es hier zu tun habe. Die übrige Mannschaft war recht zusammengewürfelt. Da waren die Italiener, die Holländer, Jugoslawen, ein Deutscher Maschinenoffizier. Sogar zwei Portugiesen hatten wir mit an Bord. Und das waren noch die nettesten! Meine Kabine war wie gehabt.
Einfach aber zweckmässig eingerichtet. Sie diente mir aber zugleich auch als
Büro. Darin hatte ich also die ganzen administrativen Stewardarbeiten zu bewältigen.
Ohne Rechen- und Schreibmaschine. Dabei gab es ja nun wirklich nicht wenig
Arbeit und ich fragte mich manchmal, wieso diese nicht auf dem
gut eingerichteten Reedereibüros gemacht wird? Wohl um den
Chiefsteward mehr zu beschäftigen! Wenn die wüssten, dass der nun wirklich
nicht nur Zeit für's Büro hat! So waren da einmal die Menüs zu schreiben. Das
geschieht wöchentlich. Da sie sich aber mindestens einmal pro Monat
wiederholten, war das gut zu bewältigen. Dann diese elenden
Storedeklarierungen für den Zoll. In jedem Hafen kamen die an Bord und
wollten genau wissen; wie viele Zigaretten, Whisky, Bier und den ganzen Rest,
was der Mannschaft Freude machte, an Bord mitgeführt wurde. Die Bestellungen
für den Lebensmittelstore wurden vom jeweiligen Schiffshändler gleich nach
dem Einlaufen des Schiffes im Hafen abgeholt. Überhaupt, mit den Schiffshändlern erlebte ich so einige Sachen! Zuerst einmal überfielen sie das Schiff in Schwärmen. Jeder wollte der erste sein. Jeder wollte in's Geschäft kommen. Jeder versprach das blaue vom Himmel - sprich Rabatte, Prozente, Geschenke usw. Dabei hatte ich genaue Direktiven, bei wem und wo und wieviel ich kaufen durfte. Die Rechnung ging ja dann an die Reederei. Dort wurde sie nochmals in Franken umgerechnet, nachdem ich diese mühsame Arbeit schon an Bord gemacht habe. Nachdem ich manchmal Dutzende von Visitenkärtchen und Ausweise kontrolliert hatte und unseren Händler gefunden hatte, konnten wir uns in die Messe setzen und die "Besprechung" begann. Meine Reederei hatte wie jede andere ja auch, ihren eigenen Agenten und Schiffshändler im jeweiligen Hafen. Der Einkauf richtete sich auch nach Reise, Reisedauer Jahreszeit usw. War es zum Beispiel Las Palmas, dann wurde dort gross und für die nächsten Monate eingekauft. Mit Rotterdam war das der günstigste Hafen im westlichen Europa. Auf diesem Schiff aber lief das alles nicht so wie es hätte richtigerweise laufen sollen. Und das erklärt vielleicht auch die Nervosität des Koches! Aber da muss ich etwas weiter ausholen. Also, auf der letzten Reise dieses Schiffes verunglückte der Chiefsteward, also mein Vorgänger. Ich kam als Ersatz auf dieses Schiff. Und Erfahrung als Chiefsteward hatte ich nur wenig, da ich ja vorher nur als Koch gefahren bin!. Immer war ich als erster Koch gefahren. So war ich dann auch auf die Hilfe des ersten Deckofficers angewiesen. Der nützte allerdings dann diese Gelegenheit auf das allerniederträchtigste aus! Die für die eher ungewöhnlich lange Reise war die - von eben diesem zweiten Kapitän und dem Funker (!) - aufgegebene Bestellung ja schon an Bord und teilweise auch schon in den betreffenden Lagern und Kühlräumen verstaut. Und welche Ware! Alles andere als erste Qualität und wie mir schien, nur das billigste. Und als ich dann auch noch die zwei Weihnachtsbäume unter einer Treppe entdeckte - es war ja noch im Monat November, wunderte mich nichts mehr. Weihnachten wurde im Suezkanal gefeiert und bis dann hatten diese beiden Tannenbäumchen ihre Nadelpracht schon längst verloren! Also, Reklamationen war so schon vorprogrammiert. Und vor allem das Fleisch war in einem erbärmlichen Zustand! Zu mager, zum Teil kälteverbrannt (zu langes Hängen/Lagern im Tiefgefrierraum) das gibt dann so eine grauweisse trockene Schicht am Fleisch und muss weggeschnitten werden bei der Verarbeitung. Aber auch in den Mannschafts- und Offiziersmessen sah es nicht besser aus. Da das Schiff einen gehörigen Sturm abgeritten hatte, war vom Geschirr nicht mehr viel übriggeblieben. Und zum Geschirreinkaufen fühlte sich wohl niemand zuständig! So fuhren wir also sehr schlecht ausgerüstet aus in Richtung Süden zuerst nach Marokko. Aber auch die Unterkünfte gaben zu Unzufriedenheit Anlass. Sie waren eng, heruntergekommen, dunkel und vor allem sehr lärmig und in den Tropen fürchterlich heiss. Die Leute hatten zwar mit viel Fleiss, Fantasie und Farbe die Räume und Korridore etwas wohnlicher gestaltet. Aber veraltet bleibt halt veraltet. Zudem war es fürchterlich lärmig da hinten auf Achtern! Die Rudermaschine war da untergebracht und die Antriebswelle drehte sich auch sehr geräuschintensiv. Also, die Reklamationen konnte ich wohl verstehen, nur etwas dagegen tun, das konnte ich auch nicht. Der sehr feine Staub drang durch alles durch, auch durch die festverschlossenen Bullaugen!!! Und erst im Lebensmittelstore! Der Staub drang auch in die mit Plastik verpackten Teigwaren, Reis usw. ein. Das Knirschen zwischen den Zähnen beim Essen war von nun an ein ganz normales Geräusch. Von Casablanca sah ich leider nicht sehr viel, da ich in der ersten Zeit als neuer Chefsteward ganz ordentlich ran musste. Überall merkte ich die lange Abwesenheit meines Vorgängers. Und in die Büroarbeiten musste ich erst durch den ersten Steuermann eingearbeitet werden. Der aber sprach partout nur französich, was bei mir manchmal etwas zu Verständnisproblemen führte. Und so gar geduldig war der Mann auch nicht. Und was vor allem fehlte, war eine Rechenmaschine! Die musste ich mir jedesmal beim Kapitän oben im Salon ausleihen. Das war ein Modell, bei dem man die Zahlen mittels Wählscheibe wie bei einem Telefon eingeben musste. Und schwer war das Ding auch! Nicht umsonst war der Alte sehr besorgt um dieses gute (und einzige) Stück. Drei Decks heruntertragen, dann wieder drei Decks die steilen Treppen hinauf war manchmal nur mit akrobatischen Verrenkungen zu bewältigen. Zwischendurch musste ich mich auch als Metzger betätigen, also Fleisch ausbeinen und zerlegen in pfannenfertige Stücke. Doch die Qualität liess mehr als nur zu wünschen übrig. Wo nur hatten sie dieses missliche Fleisch gekauft? Nicht nur war es überlagert und viel zu mager, es hatte auch durch zu langes Lagern gehörig an Gewicht verloren. Und das wiederum ging von den Portionen ab, was die Mannschaft ganz und gar nicht gôutierte! Und damit lagen sie zuerst einmal dem Koch in den Ohren. Der wiederum gab der Reederei die Schuld. Aber schlussendlich blieb das Ganze dann doch an mir hängen. Der zweite Deckoffizier lag mir in den Ohren, ich hätte die Portionen willkürlich gekürzt. Und der erste hatte Freude an diesem Unfrieden! Der Suezkanal Mit einer Schiffsladung Phosphat ging es nun Richtung Osten, nach Japan. Es sollte eine lange und nicht immer angenehme Reise werden! Und es fing schon im Suezkanal an. Für die ganze Mannschaft galt während der Durchfahrt: Kein Alkohol! Das war schlimm! Da rebellierten die Schweizer und die Holländer, den Italienern und Portugiesen machte das weniger aus. Und es war ja Weihnachtsfest und das ohne Bier und Whisky? Unvorstellbar! Und die Weihnachtsbäumchen, die schon in England an Bord kamen? Die waren nackt und trocken wie eine ägyptische Mumie! Nein, damit war kein Staat zu machen. Die Bilanz sah schon mager aus; kein Weihnachtsbäumchen, nichts Alkoholisches zu trinken, zu wenig Geschirr und Gläser, das Essen unbefriedigend, die Unterkünfte schlecht, nein,so konnte keine Festfreude aufkommen. Das Alkohlverbot wurde stillschweigend aufgehoben - zum Glück, denn das trug wenigstens ein klein bisschen zum Frieden und besserer Laune bei. Auch schon traf ich ihn auf dem Boden liegend und Seekarten studierend an. Mit einem langen Bambuslöffel pflegte er sich den Rücken zu kratzen. Oft kam er aber auch in die Küche, um dem Koch einige Tipps zu geben über indonesische Küche. Dabei war er, der Koch, schon mit der europäischen Küche überfordert! Viel Respekt hatte niemand von unserer Mannschaft vor ihm. Das merkte man auch an der ziemlich schlechten Borddisziplin! Am allerwenigsten sein erster Steuermann, eben dieser, der mich in die administrativen Arbeiten im Stewardsektor einweisen sollte. Er nahm sich denn auch Freiheiten heraus, die ganz und gar nicht in seiner Kompetenz lagen. So wurde auch gemunkelt, es sei ER, der das Schiff führte und kommandierte. Nun ja, diesen Eindruck hatte ich oftmals auch, wenn ich den Alten aus irgendeinem Grund in seinem Salon aufsuchen musste. Der lag meistens in seinem Salon und liess den Herrgott einen guten Mann sein. Auf der Brücke war er sehr selten zu finden! Der zweite Steuermann war ein komischer Kauz und als einziger verheiratet. So banden einige Spassvögel in Genua einige Glöckchen unter seinem Bett fest. Seine Frau besuchte ihn oft in einem europäischen Hafen. Das Geläute liess auch gar nicht lange auf sich warten. Und wir hatten unser grosses Vergnügen daran! Dies kostete ihm dann einige Kasten Bier, ihm, wo er doch in keinem Hafen an Land ging und aus dem Kiosk sehr selten etwas bezog. Ein echt sparsamer Italiener. Und noch etwas Makabres kommt mir in den Sinn, das sich ebenfalls am Anfang auf diesem Schiff zugetragen hatte. Wie schon gesagt; ich war neu auf diesem Schiff und fand einiges vor, dass auf andern Schiffen schon moderner und praktischer war. So auch die Bordwäsche. Die musste nämlich mangels einer eigenen Wäscherei an Land gegeben werden. Aber wie und vor allem in welchen Behältern? Da fand ich im Frischwäschestore so etwa zwei Meter lange Leinensäcke. Ja, die könnten gehen. Ich stopfte also zusammen mit dem zweiten Steward die Schmutzwäsche wie Betttücher und Decken, Tischtücher und Handtücher usw. in diese Säcke und legten sie unten an der Pier schön nebeneinander, bereit zum Abholen durch die Wäscherei. Da hörten wir es von weit oben von der Brücke herunterschreien "seid ihr denn verrückt geworden?" Da ich den Mann nicht verstehen konnte, ging ich zurück an Bord um zu erfahren, weswegen wir denn verrückt sein sollen! "Das sind Leichensäcke für Beerdigungen auf hoher See!" Aha, nun das wusste ich natürlich nicht und niemand hatte mir etwas gesagt. Ich schien aber bei weitem nicht der einzige Unwissende zu sein, denn weiter reklamierte niemand mehr und auch die Wäscherei nahm die Säcke anstandslos mit. Auf (fast) ruhiger Fahrt im indischen Ozean . Der flitzte zurück und kam gleich
darauf wieder mit einer grossen Beruhigungsspritze zurück. Das Schlimme für mich aber war,
ein Teil der Mannschaft war mit ihm gleicher Meinung, dass alles nur meine
Schuld war - auch der Bäcker und fast die gesamte Mannschaft. Als ich ihm einmal sagte, ich werde mich dann für all seine Mühe, mich in die Rechnungsführung einweiht zu haben, erkenntlich zeigen, antwortete er hämisch, das werde er dann schon sagen was das kostet! Was er damit meinte, erfuhr ich dann, als er im nächsten europäischen Hafen "abgemustert" wurde. Dass etwas wahr an der Geschichte
sein konnte, entnahm ich folgender "Anweisung" vom Holländischen
Chiefingenieur. Der brachte mir eines Abends eine Pistole in die Kabine mit
der gleichzeitigen Empfehlung, nur noch bei abgeschlossener Kabine zu
schlafen. Der Chiefingenieur war überhaupt die einzige Vertrauensperson, die
ich an Bord hatte. Kam dazu, dass er nicht mit dem Kapitän zusammen im
Kapitänssalon essen wollte. Er speiste immer mit den Schiffsoffizieren in
ihrer Messe. Und auch sonst wollte er mit dem "Alten" nichts zu tun
haben. . Ich machte dann noch einige Reisen auf demselbem Schiff, aber mit einer ganz anderer Besatzung und unter französicher Flagge und Kommando in einem "Spezial-Auftrag". Doch davon später. . . **** |